Predigt zum Motto des Evangelischen Kirchentages in Bremen 20.05.2009 – 24.05.2009: „Mensch, wo bist du?“ Gehalten in Wiesloch im Mai 2009.
Liebe Gemeinde,
Es gibt immer wieder Situationen, da fragen wir: „Gott, wo bist du?“
Wenn Menschen etwas tun, das wir nicht begreifen können, Amok laufen, unbeschreibbares Leid über andere bringen – „Gott, wo bist du?“ Wenn Naturkatastrophen Menschen in Verzweiflung treiben, persönliche Not uns trifft, wir nicht weiter wissen – „Gott, wo bist du?“
Wir rufen nach Gott, suchen ihn, bitten ihn um Hilfe, hoffen, dass er uns hört und uns beisteht.- „Gott, wo bist du?“
In der Kirchentagslosung wird diese Frage umgedreht. Da begegnen wir einem Gott, der nicht nur anrufbar ist, sondern der selbst ruft, uns Menschen sucht: „Mensch, wo bist du?“
Über diese Frage wird heute in Bremen und an vielen anderen Orten in Deutschland gepredigt. „Mensch, wo bist du?“
Diese Frage Gottes steht im 1. Mosebuch, ganz am Anfang unserer Bibel. Da ruft Gott den Adam, den ersten Menschen: „Adam, wo bist du?!“ (1.Mose 3,9).
Adam hat sich vor Gott versteckt, ihn plagt das schlechte Gewissen, er will Gott nicht begegnen. Alles hatte Gott Adam und Eva anvertraut im Paradies, es war gut, sehr gut. Nur ein einziges Ver-bot gab es: „Esst nicht von dem Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen, denn wenn ihr da-von esst, werdet ihr sterben.“
Ein Verbot – und Adam und Eva übertreten es, können der Versuchung nicht widerstehen.
Und danach bereuen sie. Sie merken, wie unvollkommen sie sind. Sie verstecken sich, das Vertrauen zwischen Gott und Mensch hat einen tiefen Riss bekommen.
Und Gott? Er sucht Adam: „Wo bist du?“
Wie Adam das wohl hört? Vorwurfsvoll: „Warum versteckst du dich vor mir?“
Oder drohend: “Na warte, du wirst deiner Strafe nicht entgehen!“
Vielleicht auch sorgenvoll: „Adam, wo bist du? Hab keine Angst vor mir?“
Oder hört Adam die Frage Gottes als nüchterne, konsequente Aufforderung:
„Wo bist du? Stell dich deiner Verantwortung. Trage die Konsequenzen deines Tuns. Geh deinen Weg weiter.“
Adam wagt sich hervor – vor Gott kann man sich nicht ewig verstecken: „Hier bin ich, Gott, ich fürchte mich. Da lief etwas ganz schief. Aber eigentlich bin ich ja nicht Schuld, sondern die Schlange ...“
Die Suche nach dem Sündenbock – ich bin nicht Schuld! Es waren die Umstände, ein Versehen, ein Missverständnisse. Ich kann nichts dafür.“
Schuld auf andere schieben oder sie verdrängen – wir kennen da genug Beispiele von uns selbst oder anderen, wie schwer es ist, zu Schuld zu stehen.
Und wie wir manchmal ganz fassungslos sind, wie locker Menschen mit Schuld umgehen und scheinbar gar kein Schuldbewusstsein haben. „Ich bin nicht Schuld!“
Wie gehen wir mit Schuld um? Das war schon am Anfang der Menschheitsgeschichte ein Frage. Auch Adam versucht, seine Schuld wegzuschieben.
Wir kennen die Geschichte vom Sündenfall - und die Folgen: die Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies. Gottes Willen missachten und dennoch im Paradies wohnen wollen: das geht nicht zusammen.
Es gibt einen Schnitt - Adam und Eva müssen die Konsequenzen ihres Tuns tragen.
Obwohl – nicht ganz – Gott bleibt gnädig. Er lässt sie nicht sterben, wie er es angekündigt hat, er lässt ihnen das Leben. Es steht weiter unter seinem Schutz und Segen. Die Geschichte Gottes mit den Menschen geht weiter unter anderen Vorzeichen. Nicht nur die Menschen müssen mit den Fol-gen ihres Handelns leben – auch Gott.
Es ist die Freiheit, die er uns Menschen gibt, die Freiheit zu entscheiden, was wir tun wollen oder nicht, ob wir Gottes Willen folgen wollen oder nicht.
Wir sind keine Marionetten Gottes. Gott gab uns einen freien Willen. Wir können unsere Ente-scheidungen treffen. Gott zwingt uns nichts auf – aber wir müssen die Folgen unserer Entscheidun-gen dann auch tragen und nicht klagen: „Gott, wie kannst du das zulassen?!“
Gott fragt zurück: „Mensch, wo bist du denn? Wo übernimmst du Verantwortung für dich und an-dere und diese Welt?“
Bei der Erschaffung des Menschen erzählt die Bibel, dass Gott den Menschen als sein Ebenbild schuf – „zum Bilde Gottes schuf er ihn“, als Gegenüber Gottes, ein eigenständiges Wesen, in engem Kontakt mit ihm: so ist das Bild, das Gott von uns hat. Er will mit uns im Dialog sein. „Mensch, wo bist du?“ Gott will uns helfen, unsere Aufgaben gut zu erfüllen, Gott gibt uns Richtlinien, damit wir unsere Verantwortung gut wahrnehmen können, seine Gebote. Er bietet uns seine Begleitung an, wir dürfen ihn anrufen – Gott und Mensch gemeinsam, so kann es gut werden.
Und Adam, der erste Mensch, er hat nicht nur Gott als Gegenüber, als Dialogpartner, er bekommt Eva zur Seite gestellt, „Fleisch von seinem Fleisch“, als Ergänzung. So sollen Mann und Frau sich mit ihren unterschiedlichen Gaben ergänzen, sich fördern, unterstützen, miteinander in Liebe und Achtung das Leben meistern.
Die Beziehung zu Gott, die Beziehung zum Mitmenschen – und die Beziehung zur Schöpfung: in diese Beziehungen ist der Mensch eingebunden.
Am Ende der Schöpfungsgeschichte wird erzählt, dass Gott den Menschen den Auftrag gibt, die Erde „zu bebauen und zu bewahren.“ Bebauen und bewahren, nicht ausbeuten und zerstören – ein klarer Auftrag für den Umgang mit der Schöpfung.
„Wo bist du Mensch - in Beziehung zu Gott, zu deinen Mitmenschen, zur Schöpfung? Wo stehst du?“
Bei den vielen Themen, die uns beschäftigen, müssen wir uns das fragen lassen: Wo stehen wir? Wo ist unsere Verantwortung? Wo bringen wir uns ein? In die Wertediskussion, die Frage nach gerechtem Wirtschaften, der Klimaschutz, die Diskussion um Perspektiven für unsere Gesellschaft, Chancen für die Welt? Wo stehen wir?
In der Frage nach dem Wert des Lebens, nach der Würde des Menschen gerade auch am Ende sei-nes Lebens?
Wo nehmen wir die Sehnsucht nach Glauben und geistlicher Orientierung wahr, suchen selbst im-mer wieder diese Orientierung, indem wir uns nach Gott ausrichten, mit ihm im Dialog sind, ihn um Hilfe bitten für unsere Entscheidungen – und um Vergebung, wenn wir falsch handeln?
Der Kirchentag setzt sich mit all diesen Themen auseinander und viele wollen sich ihrer Verantwor-tung stellen, Antwort geben auf den Ruf: „Mensch, wo bist du? Du wirst gebraucht!“
Wir können viel tun, wenn wir wollen. Gott gibt uns Fähigkeiten dazu und Orientierung.
Jesus hat es vorgelebt, wie Gott sich das Leben für uns vorstellt.
Wir wissen, wie Leben gelingen kann in gegenseitiger Achtsamkeit und Wertschätzung, in Gottes – und Nächstenliebe, im Verzeihen und immer wieder miteinander Weitergehen, im Streben nach Frieden und Gerechtigkeit, in der Bewahrung der Schöpfung.
Ob wir danach handeln und uns in unsere Verantwortung rufen lassen – das liegt an uns und es hat Konsequenzen. Es ist nicht gleichgültig, was wir tun oder nicht tun.
Gott ruft uns und wartet, dass wir reagieren, seinen Ruf hören und zu Herzen nehmen.
Wo sind wir? In Hörbereitschaft, Rufbereitschaft? Muss Gott uns erst suchen? Verstecken wir uns vor ihm? Wo braucht uns Gott? Wo brauchen uns andere Menschen?
Es geht nicht darum, alles zu machen, was wir machen könnten, sondern zu erkennen in ganz kon-kreten Situationen: „Das ist jetzt dran, da bin ich gefragt. Da will ich mich nicht verstecken!“
„Mensch, wo bist du?“ – „Hier bin ich, Gott.“
Amen.