„Mensch – wo bist du?“ – „Hier bin ich!“

Ein Bericht vom Kirchentag von Steffen Groß.

Kirchentag in Bremen
20.-24. Mai 2009

Ein Altkanzler, der nicht raucht, ein Halleluja am Bahnhof und ein Schiff nach Emmaus – das war der 32. Evangelische Kirchentag vom 20.-24. Mai in Bremen aus Kurpfälzer Sicht.

Es ist purer Zufall, dass wir uns hier treffen, aber wirklich überrascht sind wir alle nicht: Es ist schließlich Mittwoch der Abend der Begegnung, mit der traditionell der Kirchentag eröffnet wird. Ich stehe in einer Warteschlange hungriger Brüder und Schwestern, die der Duft von Kartoffelpuffern an diesen Stand mitten in Bremen gelockt hat. Und plötzlich tippt mich Margit Rothe, Gemeindiakonin in Eppelheim an, ihre Familie im Schlepptau. Wir freuen uns, erzählen von unseren Plänen für die nächsten vier Tage Bremen - und sind irgendwann mit dem Bestellen dran. Das kann so weitergehen, denke ich noch.

Tut es auch: Die Begegnung am Puffer-Stand ist typisch für den Kirchentag, bei dem alle zwei Jahre um die 100.000 Menschen zusammenkommen, um Vorträge und Konzerte zu hören, zu diskutieren und zu beten. 600 Seiten Programm bieten für alles und alle reiche Gelegenheiten – aber Zusammentreffen am Wegesrand stehen nicht drin. Müssen sie auch nicht: Irgendwen trifft man immer, meistens Menschen, von denen man es nicht erwartet. In der kleinen Bremer Innenstadt, in der fast alle Veranstaltungsorte nah beieinander liegen, ist die Chance groß, auch wenn an diesem Abend 350.000 Menschen die Straßen füllen. Und so stehen wir Kurpfälzer da, tauschen unsere Pläne und unsere Begeisterung aus – und irgendwann sind auch die Kartoffelpuffer fertig.

Was Margit Rothe mir voraus hat: Sie kann sich ihr Programm selbst zusammenstellen. Die Gruppe, für die sie gemeinsam mit Bezirksjugendreferent Eberhard Reinmuth Verantwortung trägt – 100 Leute zwischen 12 und 60, die mit dem Jugendwerk unterwegs sind – ist weitgehend selbstständig. Ich dagegen bin Mitarbeiter der Kirchentags-Nachrichtenredaktion, in der ein Stab von Journalisten die Kollegen aus Deutschland und der Welt mit den neuesten Nachrichten vom Kirchentag versorgt. Und als Pfarrvikar mit journalistischen Wurzeln schickt mich der Chef unserer Redaktion mit Vorliebe zu allem, was nach Theologie klingt.

Der Messias und die Topmodels

So wie am Donnerstag, als die Zeit-Redakteurin Elisabeth von Thadden darüber nachdenkt, ob der Mensch zur Perfektionierung geschaffen sei. Ist der Mensch nicht, findet von Thadden, Großnichte der gleichnamigen Schulgründerin aus Heidelberg. Und bringt am Tag der Entscheidung von Heidi-Klums TV-Show „Germany´s next Topmodel“ einen Spruch in die Debatte, der 3000 Leute im überfüllten Veranstaltungszelt zum Lachen bringt: „Jesus Christus ist nicht durch den Gewinn von Schönheitswettbewerben zum Retter der Welt geworden.“ Wohl war. Nicht um Perfektionierung von Körper, Geist und Seele gehe es im Christentum, sondern darum, vor Gott und den Menschen „ein freier Mensch zu werden“. Martin Luther hat das so ähnlich gesagt, aber bis zu Heidi Klum hat sich das wohl noch nicht herumgesprochen. Auch nicht, was der EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber, ein Ex-Kurpfälzer, erklärt: „Der Mensch hat ein Recht, fehlerhaft zu sein.“ Applaus im Zelt.

Am Tag darauf steht noch ein Ex-Kurpfälzer auf einer der Bühnen: Edzard Hüneke, besser bekannt als Eddy, Sänger der Kölner A-Cappella-Truppe „Wise Guys“. Er singt erst einmal mit dem Publikum beim „Podium Ökumene“ und schwärmt dann von seiner Zeit als Theologiestudent in Heidelberg, wo er im Ökumenischen Institut lebte und studierte. „Den Traum, das Studium abzuschließen, habe ich derzeit unterbrochen“, zwinkert Eddy mit einem Grinsen. Ökumene ist für den Protestanten Hüneke vor allem eine gegenseitige Bereicherung. „Wir können so viel voneinander lernen und uns freuen, wie verschieden der Glaube gelebt wird“, sagt er. Da sei es gar nicht so wünschenswert, „dass die Kirchen als Institutionen zusammengehen“ – da gäbe es weniger zu entdecken. Dafür klatscht sogar Margot Käßmann, Landesbischöfin von Hannover und in der Ökumene seit 25 Jahren aktiv.

Auf schwankendem Boden und ohne Zigarette

Das Feierabendmahl erlebe ich dann auf schwankendem Boden: „Auf der Binnenschifferkirche“, wie man hier sagt. Vorn lädt ein Diakon, der wie ein Kapitän aussieht und auch so redet („Moin, Moin an Bord, liebe Leute“), zur Reise nach Emmaus und zurück ein – in Gedanken natürlich. 120 Leute dürfen mit, ein paar Dutzend anderer stehen am Anleger und feiern von dort aus im Regen mit. Auch das ist Kirchentag: Überfüllte Hallen und Orte gehören einfach dazu, erst recht im kleinen Bremen.

Tobias, ein Kollege aus der Redaktion werkelt derweil an seinem Text über den Abend mit Altkanzler Helmut Schmidt. Für ihn waren dessen kluge Worte zur Wirtschaftskrise („Wir sind noch lange nicht über den Berg“) keine Überraschung, erzählt Tobias. „Aber dass Schmidt nicht geraucht hat, dass war wirklich spektakulär“ – schließlich tut der 90jährige sonst nichts ohne Zigarette. Der Kirchentag wirkt eben Wunder.

Spektakulär dann der letzte Abend, direkt unter freiem Himmel am Hauptbahnhof: Vorn stehen Chor, Solisten und Orchester und musizieren Ausschnitte aus Händels Messias, und der ganze Platz singt mit. Neben mir steht Marc Witzenbacher, Pressesprecher im Karlsruher Oberkirchenrat, und wir beide improvisieren einfach den Bass und machen mit. Wer will schon abseits stehen, wenn scheinbar ganz Bremen das Halleluja schmettert?

Spätestens in diesem Moment weiß ich wieder ganz genau, warum ich seit 20 Jahren zum Kirchentag fahre und trotz allem Stress nicht davon loskommen mag: Das Gefühl ist einfach unglaublich, der Himmel scheint einen Moment lang offen. Als Bremens Ex-Bürgermeister Henning Scherf, der den Kirchentag in seine Heimatstadt geholt hat, in Abwandlung des Kirchentagsmotto „Mensch, wo bist du?“ sein „Mensch, war das schön!“, in die Menge ruft, ist frenetischer Jubel die Antwort.

„Gott war dabei“

Viele Menschen haben solche Erlebnisse im Gepäck, als es am Sonntag heimwärts geht: Die Kurpfälzer Gruppe sammelt ihre Eindrücke im Bus: Margit Rothe selbst hat vor allem das Bekenntnis eines Juden bewegt, der den Holocaust überlebte und später den Nazi Adolf Eichmann bei dessen Prozess verhörte; „Wenn jemand seinen Glauben verliert, verliert er die Lust, zu leben“, sagte der 83-jährigen Michael Gilead-Goldmann Diesen Satz möchte sie nie mehr vergessen, so Margit Rothe.

Andere sind von der Menge der Teilnehmer begeistert, vom Gefühl, Teil einer riesigen Gemeinde von Christen zu sein: „Das Gefühl, als alle zum Anfangsgottesdienst gelaufen sind, war bewegend. Es war eine Massenbewegung!“, findet Paula, 12 ist sie erst. Mein Eindruck beim Schlussgottesdienst mit 100.000 Teilnehmern ist ähnlich: Wir sind da. Wir sind viele. Und wir wollen tun, was Kirchentagspräsidentin Karin von Welck uns vom Podium aus rät: „Die Kirchentagslosung mit Gottes Frage „Mensch, wo bist Du?“ müssen wir im Alltag tagtäglich mit dem Satz beantworten: Hier bin ich! Was kann ich tun?“, fordert Welck. „Wann, wenn nicht jetzt?“, denke ich auf dem Rückweg zum überfüllten Bahnhof noch.

Nächstes Jahr geht es schon weiter, zum 2. Ökumenischen Kirchentag nach München vom 12.-16. Mai 2010. Und auch für den wird hoffentlich das Fazit gelten, das die 21jährige Lisa im Bus gen Heimat zieht: „Am meisten überrascht und erfreut hat mich die Offenheit und Begeisterungsfähigkeit der Menschen, die mir auf und rund um den Kirchentag begegnet sind. Es war ganz eindeutig zu spüren, dass Gott mit dabei war.“ Das würden wohl fast alle unterschreiben, die in Bremen waren.

Pfarrvikar Steffen Groß
Ev. Kirchenbezirk Südliche Kurpfalz
Kirchengemeinden Brühl und St. Ilgen
steffen.gross [at] kbz.ekiba.de

Eindrücke der Kirchentags-BesucherInnen
Im Bus auf der Heimfahrt

Mehr zum Kirchentag in Bremen unter:
http://www.kirchentag.de

 

 
top