Bericht und Bilder von Elke Piechatzek
Ein wohlformulierter Diskussionsstil mit interessanten neuen Fragen aus dem Raum der Kirche prägte die Podiumsdiskussion im Evangelischen Gemeindehaus in Walldorf , die am Sonntag abend auf Einladung beider Kirchen mit rund 160 Anwesenden stattfand.
„Wir fragen nach“ so lautete das Motto des Evangelischen Kirchenbezirkes und des Katholischen Dekanats, den Veranstaltenden des Abends. „Wir fragen klug und pointiert nach“, möchte man rückblickend ergänzen.
Moderator Wolf-Dieter Steinmann (Rundfunkpfarrer beim Südwestdeutschen Rundfunk) sorgte schon mit seiner Begrüßung für einen Diskussionsstil, der sich wohltuend abhob von Routine und standardisierten Fragen. Er begrüßte das Publikum als Souverän, als Entscheidende, die das Wesen der Demokratie ausmachten. Steinmann formulierte bereits zu Beginn einen Wandel des Denkens und Handelns als Antwort auf die Krisen der Zeit.
„Aus dem Umschwung muss eine Umkehr werden“, so seine Eingangsthese. Er halte diese Bundestagswahl für so wichtig wie schon lange nichts mehr, und so bemerkte er schmunzelnd, leider merke man so wenig davon.
Die Kandidierenden aller Parteien hielten sich an klare Zeitabsprachen und formulierten bereits ihr Eingangsstatement in den 2:30 Minuten des vom Rundfunkpfarrers vorgegebenen Zeitrahmens.
Die Einstiegsfrage für die Vorstellungsrunde bezog sich auf die Rolle der Kirche in Staat und Gesellschaft . Lars Castellucci sprach von den Werten der Kirchen, die sich mit denen der SPD deckten. Freiheit ohne Verantwortung könne es auch im christlichen Menschenbild nicht geben. Als ehemaliger Synodenvorsitzender des Evangelischen Kirchenbezirkes Wiesloch hat er diese Verantwortung auch innerhalb der Kirche wahr genommen.
Castelluci und Jörg Richter, Kandidat der FDP kennen sich aus der gemeinsamen Arbeit im Stadtrat Wiesloch. Richter begründete sein politisches Engagement mit seinen eigenen Kindern, denen er politische Verantwortung vorleben wolle. Die Frage „Wieviel Kirche braucht der Staat“ beantwortet Richter eindeutig. Einen Staat ohne Religiosität könne es nicht geben. Er forderte die Kirchen auf, dies laut anzumahnen.
Charlotte Schneidewind Hartnagel von den Grünen hatte gar als Nichtgetaufte vor der Diskussion in der Bibel nachgeschaut und festgestellt, dass ihre Werte von Verteilungsgerechtigkeit wohl auch in der Bibel vorkommen. „ Da steht alles drin“ schilderte sie ihre Studien im 1. Buch Mose. Mit einem Schmunzeln ergänzte sie außerdem: „Ich als Frau wollte diesen Wahlkampf nicht einem Geschlecht überlassen.“
Dr. Edgar Wunder von den Linken, der als Religionssoziologe eher eine kritische Distanz zur Konfession braucht, erzählte ebenfalls von Begegnungen mit Theologen, die sein politisches Leben schon in der Bürgerrechtsbewegung Bündnis 90 mitprägten, der er als Westdeutscher gleich nach Wende beitrat.
„Die Rolle der Kirche wird immer wichtiger“, so sein Statement. Dies zeige sich schon daran, dass z.B. die Kirche eine der ganz wenigen Veranstalter solcher Diskussionsrunden sei.
Dr. Albrecht Schütte, der den Kandidaten der CDU Dr. Stephan Harbarth wegen anderer Termine vertrat, erzählte aus der Vita des 38 jährigen Rechtsanwaltes Harbarths , der sich vor allem den Themen des Mittelstandes annehmen wolle.
Gibt es einen gerechten Frieden in Afghanistan? Braucht es konfessionellen Religionsunterricht? Stammzellenforschung, Genmanipulierter Anbau, Atomausstieg, Mindestlohn. Viele Fragenkomplexe forderten die Kandidierenden heraus. Die Standpunkte wurden erstaunlich klar benannt
Castelluccis eindeutiges Ja zum Atomausstieg stand der Meinung von Jörg Richter konträr gegenüber, der eine Sicherung der notwendigen Energieressourcen bis 2020 durch erneuerbare Energien ausschloss. Charlotte Schneidewind-Hartnagel plädierte leidenschaftlich für eine schnelle Exitstrategie aus Afghanistan. Reserveoffizier Schütte dagegen mahnte die Notwendigkeit des Einsatzes auch wegen einer europäischen Bedrohung durch internationalen Terrorismus an. Edgar Wunder betonte die Notwendigkeit eines Mindestlohnes im europäischen Vergleich, der deutlich über den Vorstellungen der SPD von 7,50 Euro lag. Die Äußerungen der CDU und FDP Vertreter, die gesetzliche Regelung des sittenwidrigen Lohnes sei Auflage genug, führte zu erhitzten Reaktionen im Saal.
Im Vordergrund stand trotz aller Unterschiede eine erfreulich lebendige Diskussionskultur, die schließlich mit ehrlichen Statements zur Schlussfrage einen ungewöhnlichen Abschluss fand. Die Frage „Was tun Sie am 28. September?“ wurde mit ehrlichen Einschätzungen eines Sitzes im Bundestag beantwortet. Der eigene Listenplatz oder das Wahlergebnis der eigenen Partei und die damit verbundenen realistischen Chancen der eigenen Position wurden klar benannt. Das war eine dieser Fragen und ihre Antworten, die diese Diskussion besonders machten.
Dekanin Annemarie Steinebrunner und Dekan Wolfgang Gaber zeigten sich hoch zufrieden und dankten den Kandidierenden und dem Moderatoren für einen Diskussionsabend mit Niveau.
Dr. Jörg Richter, Dr.Albrecht Schütte, Wolf Dieter Steinmann, Dr. Lars Castellucci, Charlotte Schneidewind-Hartnagel, Dr.Edgar Wunder